Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
USA 2007 Regie: Tim Burton Drehbuch: John Logan nach dem gleichnamigen Musical von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler Kamera: Dariusz Wolski Ausstattung: Dante Ferretti Mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Timothy Spall, Jayne Wisener, Jamie Campbell Bower, Sacha Baron Cohen
Ein Friseur sieht rot. In Stephen Sondheims Musical-Thriller Sweeney Todd übt ein zu Unrecht Verurteilter blutige Rache an seinen Peinigern. Tim Burton nahm sich den düsteren Stoff nun als Kinofilm vor. Seine sechste Zusammenarbeit mit Johnny Depp vereint große Gefühle mit expliziter Gewalt und einer pittoresk-morbiden Optik. Burtons Ehefrau Helena Bonham Carter, Alan Rickman und der britische Comedian Sacha Baron Cohen komplettieren die größtenteils Musical-unerfahrene Besetzung.
FILMKRITIK
Ihm und seiner Familie ist unbeschreibliches Unrecht widerfahren. Benjamin Barker (Johnny Depp) landet für 15 Jahre unschuldig hinter Gittern. Zu allem Überfluss muss er die Strafe am anderen Ende der Welt absitzen, während seine Frau und Tochter in die Hände des skrupellosen Richter Turpin (Alan Rickman) fallen. Doch Barker entkommt und kehrt in seine Heimatstadt London zurück, wo er sein grausames Schicksal auf ebenso grausame Weise rächen will. Er erfährt, dass seine Frau von Turpin missbraucht wurde. Daraufhin habe sie sich das Leben genommen. Barkers inzwischen halbwüchsige Tochter Johanna (Jayne Wisener) lebt derweil wie eine Gefangene in Turpins Haus. Der einflussreiche Richter hat sich in das bildschöne Mädchen unsterblich verliebt und betrachtet sie als seinen Besitz. Bei seinen Racheplänen erfährt Barker, der sich fortan „Sweeney Todd“ nennt, Unterstützung von Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter). Die Witwe betreibt unterhalb des Friseurladens ein schlecht gehendes Pasteten-Geschäft. Erst als sie ihre Backwaren mit dem Fleisch von Sweeneys Opfern „verfeinert“, kann sie sich vor Kunden nicht mehr retten.
Allein die Ankündigung, dass Tim Burton bei der Verfilmung des erfolgreichen Bühnenstücks und Musicals auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird, trieb die Erwartungshaltung in schwindelerregende Höhen. Denn obwohl der eigenwillige Filmemacher noch nie zuvor ein Musical inszeniert hatte, schien er angesichts seiner Vorliebe für märchenhafte Grusel-Geschichten geradezu prädestiniert für den düsteren Stoff. Deshalb zunächst das Wichtigste: Sweeney Todd bietet Burton in hochgradig konzentrierter Form. Jede Szene, jedes der schaurig-schönen Sets, die der mehrfache Oscar-Preisträger Dante Ferretti in Anlehnung an das viktorianische England der Jack the Ripper-Zeit entwarf, sind von seiner morbiden Ästhetik durchzogen.
Die hochstilisierte Optik mit ihrer stark auf verwaschene Grau- und Brauntöne reduzierten Farbpalette erinnert an ältere Burton-Filme wie Edward mit den Scherenhänden und vor allem Sleepy Hollow. Dass in beiden auch Johnny Depp die Hauptrolle übernahm, dürfte kaum ein Zufall sein. Denn in Depps Darstellung des einsamen, von Rachegelüsten infizierten Friseurs spiegeln sich ebenfalls vieler seiner früheren Rollen wider. Insgesamt sechs Mal arbeitete er mit Burton bereits zusammen. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Depp ist am besten, wenn er unter Burton spielt und vice versa.
Depp meistert die Musicaleinlagen mit Bravour. Seine sonore Stimme passt perfekt zu Sweeney Todds mysteriösen, dunklen Charakter und zur düsteren Atmosphäre, die der Film mit seiner verstörend schönen wie blutigen Einleitungssequenz vorgibt. Helena Bonham Carter, Burtons Ehefrau und die zweite schauspielerische Konstante während seiner letzten Arbeiten, merkt man dagegen an, dass das Musical nicht unbedingt ihre Domäne ist. In anspruchsvolleren Gesangspassagen wirkt Bonhams Stimme allzu dünn.
Für die Umsetzung des Broadway-Musicals von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler mussten einzelne Stücke filmgerecht gekürzt und umgeschrieben werden. Burton schaffte es, die Spielszenen und Musicaleinlagen sanft ineinander fließen zu lassen, wodurch sich ein organisches Ganzes ergibt. Ein gewisses Faible für das Musical-Genre sollte man allerdings schon mitbringen, immerhin wird hier ausgiebig bei jeder sich bietenden Gelegenheit gesungen und musiziert.
Seit seiner Uraufführung im Jahr 1979 erfreute sich Sondheims musikalische Interpretation der Sweeney-Legende einer stetig wachsenden Fangemeinde. Die vom Filmkomponisten Bernard Herrmann beeinflussten Songs erwiesen sich als ideale Untermalung einer zu gleichen Teilen brutalen wie zärtlichen Geschichte. Der Film konserviert diese Essenz. Bei Burton stehen das Drama und die Horrorelemente gleichberechtigt nebeneinander. Wenn Sweeney Tood seinen blutigen Racheplan in die Tat umsetzt, fühlt er keine Genugtuung oder gar Freude. Ihm geht es vielmehr darum, dass diejenigen, die ihm alles genommen haben, seinen Schmerz teilen. Zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Bis die Klinge ihre Arbeit vollbracht hat.
Marcus Wessel
Frühes 20. Jahrhundert. Der Londoner Fleet-Street-Friseur Sweeney Todd ist liiert mit einer jungen blonden strahlenden Frau mit Nachwuchs. Sie wird ihm aus sexueller Gier von dem niederträchtigen Richter Turpin weggenommen. Todd landet unschuldig hinter Gittern.
Nach langer Zeit wieder in Freiheit, sinnt er auf was? Auf Rache natürlich. Aber diese erstreckt sich nicht nur auf Turpin und seinen Gehilfen Bamford, sondern auf so gut wie alle Kunden. Todd gibt vor, sie zu rasieren, schneidet ihnen aber in Wirklichkeit den Hals durch und – lässt sie von seiner Geschäftspartnerin und Geliebten, der Bäckerin Mrs. Lovett, zu Fleischpasteten verarbeiten.
Irgendwann gelingt es Todd, die von Turpin lange festgehaltene, später abgelegte und sogar ins Irrenhaus abgeschobene Frau zu befreien, den Richter unter einem Vorwand zu sich zu locken und ebenfalls ins Jenseits zu befördern.
Aber dem Bösewicht Sweeney Todd passiert auch eine furchtbare Verwechslung. Wird ihn vielleicht das gleiche Schicksal ereilen wie seine Kunden?
Tim Burton hat hier ein düsteres, grausiges, musicalartiges Stück wirkungsvoll inszeniert. Die zum Teil singenden Johnny Depp und Helena Bonham Carter als das dämonische Paar sowie Alan Rickman (Turpin) und Timothy Spall (Bamford) machen ihre Sache äußerst gut, aber alles spielt sich in einer finsteren, fahlen, monochromen Atmosphäre ab. Außer 20, 30 hübsch arrangierten Bildern wird es niemals hell. Stilistisch und vom Milieu her ist das allerdings künstlerisch konsequent. Es gibt dafür sicherlich Liebhaber, vielleicht sogar viele. Eine Oscar-Nominierung steht bereits.
GB 2007 Regie: Anton Corbijn Buch: Matt Greenhaigh Kamera: Martin Ruhe Schnitt: Andrew Hulme Darsteller: Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, Toby Kebbell, Craig Parkinson 121 Minuten, Format 1:2,35 (Scope), s/w
Das Musiker nach ihrem frühen Tod zu mythologischen Figuren stilisiert werden ist nichts Neues. Neben Kurt Cobain ist fraglos Ian Curtis, Sänger der Post-Punk-Band Joy Division, das größte musikalische Idol der letzten 30 Jahre. Der Fotograf und Videoclip-Regisseur Anton Corbijn schafft es in seinem Debütfilm über weite Strecken die Person hinter dem Mythos zu zeigen. Ein brillant gefilmtes Denkmal für einen großen Künstler, allerdings in erster Linie für Fans von Joy Division.
SPECIAL: FILM+PARTY=EIN PREIS
Am Samstag, den 29.3.2008, könnt Ihr zum Preis von 6 EUR sowohl den Film sehen, als auch anschließend die monatliche Party FACTORY (80er + 90er Wave, Gothic, Synthpop, Indie, NDW) besuchen.
Die Kombi-Karten gibt es an der Abendkasse im Filmrauschpalast.
FILMKRITIK
Am 18. Mai 1980 erhängte sich Ian Curtis im Alter von nur 23 Jahren, in dem schmucklosen Reihenhaus, in dem er mit seiner Frau Deborah und ihrer gemeinsamen Tochter lebte. Wenige Tage später hätte er mit seiner Band Joy Division zu einer Tour nach Amerika aufbrechen sollen. Obwohl Joy Division zum Zeitpunkt von Curtis Tod erst eine Platte veröffentlicht hatten (eine zweite erschien Posthum), wurden sie in kürzester Zeit zu einer der einflussreichsten Bands ihrer Zeit. Bis heute zitieren Bands die Musik Joy Divisons und spielen Coverversionen ihrer Songs. Für Generationen von Fans ist Ian Curtis zu einem Idol geworden, dessen Popularität sich mit der anderer berühmter Toten des Rock ’n’ Rolls wie Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Kurt Cobain vergleichen lässt.
Angesichts dieser Legendenbildung, die unabhängig der (spärlichen) Fakten über Curtis Leben sprießt, ist es umso bemerkenswerter, was „Control“ ist, vor allem aber nicht ist.
Der holländische Fotograf Anton Corbijn kannte die Band persönlich, er schoss einige der berühmtesten Fotos von Curtis, bevor er in den 80er Jahren zu einem gefragten Rock-Fotografen wurde. Vor allem seine Fotos von „U2“, in ihrem typischen grobkörnigem schwarzweiß sind unverwechselbar, während er in Deutschland nicht zuletzt durch Fotos und Videos für Herbert Grönemeyer bekannt ist. (Der Sänger ist in einem kurzen Gastauftritt zu sehen.) Vielleicht war es gerade die Nähe zu Joy Divison und ihrer Musik, die es Corbijn ermöglichte einen Film zu drehen, der sich jeglicher Mythenbildung entzieht. Basierend auf den persönlichen Erinnerungen von Curtis Witwe Deborah, zeichnet „Control“ die Geschichte von Joy Division, vor allem aber von Curtis nach. Aufgewachsen in Macclesfield, unweit von Manchester, lebt Ian Curtis ein unscheinbares Leben. Er arbeitet im Sozialamt, ist schon mit 19 Jahren verheiratet und sieht einem wenig aufregenden Leben entgegen. Ob es die Hoffnung war, diesem Leben zu entkommen, die Curtis zur Musik brachte bleibt wie so vieles offen. Eher beiläufig erzählt der Film wie sich die Mitglieder von Joy Division finden, erste wenig erfolgreiche Auftritte absolvieren und schließlich doch einen Plattenvertrag bekommen. Über weite Strecken gelingt es Corbijn ausschließlich über die Bilder zu erzählen, die gleichzeitig von großer Perfektion sind, ihre Qualität aber nie ausstellen. Die Zerrissenheit von Curtis Charakter, der unter Epilepsie litt, ein oft unangenehmer Kontrollfreak war und zwischen konservativem Leben in der Kleinstadt und Rock ’n’ Roll Exzessen hin und her gerissen war, erschließt sich auf subtile Weise. Erst mit der von Alexandra Maria Lara gespielten belgischen Journalistin Annik Honoré, die Curtis Geliebte war, verfällt der Film in die plakativen Dialoge, die er bis dahin vermieden hat. Doch die meiste Zeit ist „Control“ ein bemerkenswert subtiler, zurückgenommener Film, der nicht versucht genaue Antworten zu geben. Das ist einerseits eine große Qualität führt allerdings auch zu einer gewissen Distanz zu den Figuren und dem Film als Ganzem. Uneingeweihte, die nicht ohnehin an Joy Division und Ian Curtis interessiert sind, könnte es schwer fallen nachzuvollziehen, was an dieser Band und ihrem Sänger so besonders ist. Für Fans und Kenner der Band und ihrer Musik aber ist „Control“ eine Fundgrube. In erstaunlich komischen Szenen werden die späten 70er zum Leben erweckt, die Amateurhaftigkeit des damaligen Musikgeschäftes gezeigt. Besonders in den Figuren von Rob Gretton, Manager der Band und Tony Wilson, legendärer Gründer des Nachtclubs Hacienda und der Plattenfirma Factory (der Hauptfigur in Michael Winterbottoms Film „24 Hour Party People“ ist, ein komplementärer Film, in dem Joy Division Nebenfiguren sind), entwickelt „Control“ einen sehr britischen Charme. Und mit Sam Riley hat Anton Corbijn einen Hauptdarsteller gefunden, der Ian Curtis verblüffend ähnlich sieht und in einigen großartigen Liveszenen die Intensität der Musik von Joy Division so nahe bringt wie es nur möglich ist.
Michael Meyns
England, Mitte der 70er Jahre. Die Rock-Welle ist in vollem Gange: Beatles, David Bowie, Sex Pistols, und wie sie alle heißen. Ian Curtis ist einer, dessen Herz für diese Musik schlägt. Zunächst arbeitet er noch in einer Arbeitsvermittlung. Mit drei, vier Freunden baut er dann eine Band auf: die „Joy Division“.
Der Anfang ist mühsam. Bis der erste professionelle Studio-Termin kommt, dauert es lange. Dann tritt der Erfolg ein. Das junge Publikum tobt. Tournee folgt auf Tournee. Jan Curtis ist ein begehrter Frontman und Lead-Sänger.
Sehr jung ist er auf Debbie gestoßen. Die beiden erleben die Zeit der Verliebtheit. Die Heirat folgt denn auch bald. Trotz des Erfolges leben Ian und Debbie in einfachen Verhältnissen, doch sie sind glücklich. Dann das erste Kind.
Eines Tages taucht die schöne Annik Honoré bei der Band auf. Um Ian ist es geschehen. Er verlässt Debbie und das Kind. Die Beziehung ist nicht mehr reparierbar.
Nicht dass es für ihn einfach gewesen wäre. Er ist in einen schrecklichen Zwiespalt geraten, bräuchte wahrscheinlich psychoanalytische Hilfe. Seine epileptischen Anfälle und die ständig zum Ausdruck kommende Depression verstärken das Dilemma. Schließlich der Zusammenbruch. Nur 23 Jahre ist Ian Curtis alt geworden. Todesursache: mit ziemlicher Sicherheit Selbstmord. Endstation Krematorium.
Ein Schwarz-weiß-Independent-Film, dessen stilistische Echtheit auffällt. Typische zeitgemäße Musik gibt es zuhauf, zudem durch die Songtexte und durch Gedichte lyrische Einschübe. Ein formal streng durchgezogenes Zeit-, Lebens- und Schicksalsbild, konsequent inszeniert und von Sam Riley (Ian), Samantha Morton (Debbie) und Alexandra Maria Lara (Annik) gut gespielt.
Großbritannien / Kanada 2007 100 Min. Farbe Regie: David Cronenberg Mit: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack
Seit über dreißig Jahren spalten die Filme David Cronenbergs bereits die Gemüter von Zuschauern und Kritikern und eben diese Polemik verschaffte dem kanadischen Ausnahmeregisseur kürzlich den Douglas-Sirk-Preis 2007. Immer waren es Werke über Körperlichkeit, Metamorphosen, Sex und Gewalt in einer kühlen, fast klinischen Inszenierung, die Mainstreamsehgewohnheiten auffällig trotzten. Mit „A History of Violence“ wurde der Stil zwar direkter, aber auch hier setzte man sich provokativ zwischen die Stühle. „Tödliche Versprechen“ führt diesen Weg nun konsequent weiter.
PRESSESTIMMEN
Ein intelligenter Film auf hohem dramaturgischen und stilistischen Niveau, der mit inszenatorischen Überraschungen und hervorragenden Darstellern aufwartet und dessen Bilder lange in Erinnerung bleiben. - Sehenswert. film-dienst
FILMKRITIK
Als ein minderjähriges, russisches Mädchen blutüberströmt in ein Londoner Krankenhaus eingeliefert wird, stellen die Ärzte fest, dass die junge Frau schwanger ist. Das Baby überlebt, die Mutter stirbt vor den Augen der Hebamme Anna. Ein in Russisch verfasstes Tagebuch sowie der Name eines russischen Restaurants sind die einzigen Hinweise auf die Identität der Toten, doch Annas Neugier ist geweckt und ihre Reise in die dunkelsten, menschlichen Abgründe beginnt. Semyon , der Besitzer des Restaurants, bietet der jungen Frau an, das Tagebuch zu übersetzen, zeigt aber gleichzeitig auffälliges Interesse an ihr und ihrer Familie. Annas Vater nimmt sich widerwillig ebenfalls der Übersetzung an und man stößt auf ein schreckliches Geheimnis, das Semyon und dessen Sohn Kirill für lange Zeit ins Gefängnis bringen würde. Nicht nur Annas Leben ist in höchster Gefahr, als schließlich Kirills Chauffeur und bester Freund Nikolai interveniert. Dieser zwielichtige Charakter zeigt trotz aller ihm innewohnenden Härte und Grausamkeit Mitgefühl für Anna. Doch auch dieses wird in Frage gestellt, als er beauftragt wird, Annas Vater zu beseitigen.
Die körperlichen Transformationen sind seit „Spider“ der gebrochenen Persönlichkeit gewichen. Der Erwachsene, der im Grunde immer das kleine Kind geblieben ist, der biedere Familienvater, der nicht vor kaltblütigen Morden zurückschreckt, als seine Existenz bedroht wird und jetzt der mysteriöse Handlanger, der übergangslos vom Helfer zur gewissenlosen Killermaschine zu mutieren vermag. Auf einer anderen Ebene können wir die unschuldige Anna erleben, die mit ihrem ambitionierten Verhalten nicht nur den Fall des toten Mädchens aufklären, sondern vor allem ihre eigene Vergangenheit verändern möchte. „Tödliche Versprechen“ wirkt erneut leichter verdaulich als Cronenbergs Frühwerk, macht es dem Mainstreampublikum jedoch wiederholt schwer, indem er die Handlung eher nebenbei erzählt und vorsätzlich auf einen strikten Spannungsaufbau zugunsten von präzisen Charakterzeichnungen verzichtet. Und wie schon bei „A History of Violence“ ist die Gewaltdarstellung explizit, schmerzhaft und unverzichtbar, da sie fester Bestandteil des Protagonisten ist und auf diese Weise die Zerrissenheit auch für den Rezipienten physisch fühlbar macht.
Rumänien 2007 Regie und Buch: Cristian Mungiu Darsteller: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov, Alexandru Potocean Webseite: www.4months3weeksand2days.com
Das rumänische Drama von Cristian Mungiu gewann 2007 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes. Zwei junge Frauen wollen darin während der Ceausescu-Diktatur in den 1980er Jahren eine illegale Abtreibung von einem zwielichtigen Experten durchführen lassen. Ein packender und bestürzender Film, der die düstere und verzweifelte Stimmung im einst kommunistischen Rumänien zeigt.
PRESSESTIMMEN
Für Anke Leweke ist der Film nicht einfach nur die Abrechnung mit einer untergegangenen Ideologie und Epoche. "Es ist ein Film, den man nicht mehr los wird, weil seine Bilder sich in unser Gedächtnis senken. Gerade in seiner Sachlichkeit und Nüchternheit entwickelt er eine emotionale Wucht, die den Zuschauer weder überwältigt noch überrollt, sondern nur gebannt auf die Leinwand starren lässt. ... [Er] stellt sich seinem Thema bis zur letzten Konsequenz und führt es in all seinen Facetten aus. Dabei überlässt er dem Zuschauer Bilder und Szenen, die er ganz allein, ohne moralische oder emotionale Gebrauchsanweisung mit aus dem Kino nehmen muss." Die Tageszeitung
Heimlich, still und leise hat sich Rumänien zu einem der interessantesten europäischen Filmländer entwickelt, meint Michael Kohler. Die Handlung "wirkt dabei mitunter wie eine Studie über darstellerische Wahrhaftigkeit. Stets bleibt die Kamera auf Distanz, meistens rückt sie die Figuren aus gleichbleibender Perspektive und in langen Einstellungen ins Bild. ... Schon lange hat sich kein Filmregisseur mehr derart gekonnt der Intensität eines ästhetisch ausgefeilten Dokumentarismus bedient. In langen Proben ließ Mungiú den Text verfeinern, danach entwickelte er mit dem brillanten Kameramann Oleg Mutu ein Konzept, das den Schauspielern möglichst viele Freiheiten gibt und dabei trotzdem genuin filmisch erscheint." Frankfurter Rundschau
Die Poesie des Mitwissens hat Gunnar Decker überzeugt. "Ein dunkler Film über ein Land in Agonie, aber ohne jeden anklagenden Gestus, ohne dass über Politik überhaupt je gesprochen würde. Ein Film schließlich über die stille Widerstandskraft aus Lebensklugheit von Menschen, die sich weder vom System brechen ließen noch zu bloßen Mitläufern oder gar Mittätern wurden. Mungiu zeigt auf eine großartige Weise, wie man auch über Geschichte sprechen kann – und wie es auf poetische Weise fruchtbar wird, wenn man auf jeden vordergründig anklagenden Gestus verzichtet. Davon sind deutsch-deutsche Geschichtsbilder noch Welten entfernt." Neues Deutschland
Beklemmend ist der Film für Peer Schmitt. "Die Beklemmung vermittelt Mungiu mit einem ziemlich weit getriebenen Purismus. Sein Film besteht aus einer Reihung von Plansequenzen, ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Dabei kein Raum für Improvisation, jedes Detail geplant, durchgesetzt und bedeutungsgebend (herausragend die Tonmischung, zumindest in der Originalversion). ... Verzicht erzeugt den besten Effekt. Verzicht übrigens auch auf melodramatische Zuspitzungen. Eine "kalte" Inszenierung der Brutalität existentieller Gefährdung als Alltag." Junge Welt
Der Film handelt von Abtreibung, ist aber kein Abtreibungsfilm, stellt Hanns-Georg Rodek fest. "4 MONATE benutzt eine Handkamera, aber die hüpft nicht dogmahaft umher, sondern schwankt leicht, ein unterbewusstes Gefühl der Desorientierung vermittelnd. Mungius Kamera missachtet die alten Kinogebote, dass man den Sprechenden stets im Bild zeigen soll und keine Körperstümpfe ins Bild ragen dürfen - alles Teil einer wohlkalkulierten Strategie, den Zuschauer aus der Sehroutine zu drängen, zwischen Politfilm, Thriller und Horrorstück hin- und her zu zerren." Berliner Morgenpost
Laut Rüdiger Suchsland mag der Film motwendig sein, "auch moralisch sympathisch, weil Mungiu immer die Partei der beiden Frauen - von Anamaria Marinca und Laura Vasiliu hervorragend gespielt - ergreift; auch wenn seine Position in der Abtreibungsfrage überaus unklar ist, und man seinen Film wahlweise als Pamphlet gegen jedwede Abtreibung wie als Traktat für ihre Legalisierung und mehr Hygiene interpretieren kann. Aber man möchte doch wetten, dass ein identischer Film, käme er aus Deutschland, Spanien oder Dänemark, im Mai in Cannes keine Goldene Palme gewonnen hätte. Bei Depressionskino gilt der Osteuropa-Bonus." artechock.de
Anke Westphal sah einen "großen Film über den Terror - den Terror derjenigen, die überwachen oder etwas zu vergeben haben. Es ist ein schockierender Film auch über das Ausmaß, in dem der Einzelne totalitären Verhältnissen ausgeliefert ist. ... Ja, Mungiu zeigt auch die vergrauten Neubauviertel, die Menschenschlangen vor halbleeren Geschäften, die Unfreundlichkeit und den Terror des Mangels. Aber das tut er auf intensive Weise beiläufig - er zeigt es als Bestandteil eines Gesellschaftssystems, das nicht verglichen wird mit einem anderen, komfortableren und schon gar nicht ausgestellt wie in einem Museum." Berliner Zeitung
Immer wieder weigert sich der Film, sentimental zu werden, schreibt Andreas Kilb. "Ohne Gefuchtel und Geschwenke, mit beweglicher, aber niemals zitternder Kamera hält er den Opfergang der beiden Studentinnen fest, die Demütigung des erpressten Beischlafs, die Panik im Gesicht der Schwangeren, die hektische Betriebsamkeit ihrer Freundin. Hätte Mungiu die madonnenhafte Gabita zur Hauptfigur seiner Geschichte gemacht, wäre aus 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE vermutlich eines jener Rührstücke geworden, deren Pathos immer ein wenig nach Backmischung riecht. Aber er hat sich für Otilia entschieden, die Ältere, Reifere der beiden, die Zeugin und Mittäterin." Frankfurter Allgemeine Zeitung
Jan Schulz-Ojala sah ein kleines Filmwunder. "Das Zusammensuchen der Sachen im Wohnheim, die Suche nach dem Hotelzimmer, wobei die Rezeptionsdamen grausam perfekt den sozialistischen Nicht-Service verkörpern, die ersten kühlen Gespräche mit dem Abtreiber im Auto, die zunächst leise und sich in einem Kurzgebrüll entladende Verhandlung, irgendwann Otilias letzter Freundschaftsdienst mit der hastigen Beseitigung des Fötus in der Nacht: All dies ist in wenige prägnante Szenen aufgelöst, wobei der stativlosen Kamera, selbst wenn sie lange verharrt, allenfalls ein minimales Beben gestattet ist. Aber es ist ein Beben, von Anfang an." Der Tagesspiegel
Mitfühlender, genauer, nüchterner und packender ist in diesem Jahr im Kino kaum erzählt worden, schreibt Martin Walder. "4 MONATE ... ist eine Art Thriller und darin herausragend, wie er äussere Dramatik unterläuft. Vielmehr sperrte der Autor die Gefühle filmisch in oft minutenlangen, statischen, zentralperspektivischen Einstellungen wie unter dem Mikroskop ein. So wird Spannung aufgebaut und das seelische und körperliche Dilemma der jungen Frauen in messerscharfen Dialogen zugespitzt. Bis die Emotionen doch auch physisch durchbrechen und die Kamera sich der keuchend durch die nächtliche Stadt irrenden Protagonistin an die Fersen heftet: Ein rudimentäres Leben wird entsorgt. Doch wir Zuschauer mögen uns nicht abwenden, im Gegenteil, weil das Dilemma politischer, sozialer und moralischer Natur ist." Neue Züricher Zeitung
Ähnlich wie beim letztjährigen Cannes-Gewinner „L’enfant” der Gebrüder Dardenne ist auch hier das Leben eines Babys der Ausgangspunkt der Handlung. Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage ist es her, dass sich Gâbita (Laura Vasiliu) einem Mann hingegeben hat ohne zu verhüten. Gemeinsam mit ihrer Freundin Otilia (Anamaria Marinca) teilt sie sich ein viel zu kleines Zimmer in einem trostlosen und maroden Studentenwohnheim, wo Kommilitonen mit Schwarzmarktgeschäften versuchen, über die Runden zu kommen. Im kommunistischen Rumänien unter Nicolae Ceausescu sind Zigaretten und kostbare Seife Mangelware, vor den Lebensmittelgeschäften stehen die Leute Schlange, doch was die beiden jungen Frauen vor viel größere Probleme stellt, ist das vom Regime verordnete Abtreibungsverbot: Wer nach dem vierten Monat die Schwangerschaft abbricht, gilt vor dem Gesetz als Mörderin. Dennoch gehen Gâbita und Otilia das Wagnis ein und treffen sich in einem Hotelzimmer mit dem zwielichtigen Mr. Bebe (Vlad Ivanov), der die Abtreibung durchführen soll.
Christian Mungius Film ist weder eine Analyse des kommunistischen Rumäniens, noch eine explizite Kritik an der Ceausescu-Diktatur. Stattdessen konzentriert sich sein Drama auf die Tour de Force der jungen Otilia, die in einer Nacht zahllose Prüfungen durchstehen muss, um ihrer Freundin Gâbita zu helfen. Die kleine Stadt, durch die sie hetzt, ist ein unwirscher und grauer Ort voller Plattenbauten, wo selbst ein harmloses Hundebellen in der Dunkelheit zum Alptraum wird.
Die persönliche Hölle, durch die Otilia und Gâbita gehen müssen, inszeniert Christian Mungiu in größtmöglicher Intimität, mit der Handkamera ist er so nah an seinen Figuren, dass man die Beklemmung und die Angst selber zu spüren bekommt. Von der Schulter gefilmt und in langen Plansequenzen gedreht, gelingt es Mingiu tatsächlich, ohne falsches Pathos, platte moralische Schuldzuweisungen oder hysterische Überspitzungen auszukommen. Stattdessen macht er anhand von Alltagsritualen und intimen Unterhaltungen sichtbar, wie schwer diesen jungen Frauen nicht nur ihre Selbstbehauptung, sondern auch ihre Entscheidung gegen das ungeborene Leben in einer trotz kommunistischer Fassade streng patriarchalischen Gesellschaft gefallen sein muss.
Doch noch mehr als die tristen Umstände, ist es die Unfähigkeit miteinander zu kommunizieren, sich zu wehren, sich zu artikulieren, die den beiden jungen Frauen zusetzt. Die vollständige Isolation und das Ablehnen von Hilfe aus der eigenen Familie und dem anderen Geschlecht – Otilia verweigert ihrem Freund Adi (Dl. Radu) die angebotene Unterstützung – zeigt den großen emotionalen Konflikt und das Misstrauen in einer Gesellschaft, in der Geheimnisse an der Tagesordnung stehen und staatlicher Terror und Repression bis in den familiären Bereich gedrungen sind.
Ein Film, der einen verstört und aufgewühlt entlässt, dennoch von großer emotionaler und erzählerischer Kraft zeugt.
Frankreich 2007 Regie: Marjane Satrapi / Vincent Paronnaud Nach den gleichnamigen Comics von Marjane Satrapi Synchronstimmen: Jasmin Tabatai, Nadja Tiller und Hans Zischler 96 Minuten
Basierend auf den gleichnamigen Comicbüchern, erzählt die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi ihre autofiktive Lebensgeschichte. Sie handelt von ihrer Heimat, den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Eine unkonventionelle Verfilmung eines zeitgenössischen Comics, die durch ihre räumliche und inhaltliche Tiefe an Bedeutung gewinnt.
„Preis der Jury“ bei den 60. Filmfestspielen in Cannes 2007
KLASSE IM KINO
In der Reihe "Klasse im Kino" bieten wir Lehrern die Möglichkeit, sich den Film mit ihren Schülerinnen und Schülern anzuschauen. Vom 29.02.-12.03. können Sie Vorführungen in der Zeit zwischen 10.00 und 18.00 Uhr buchen. Die Eintrittspreise betragen wahlweise 3 EUR pro Schüler/Lehrer oder 100 EUR pro Vorstellung.
Kontakt: Susanne Helmcke KULTURFABRIK Moabit Lehrter Str. 35 10557 Berlin fon: 030. 397 50 56 fax: 030. 397 51 56
Materialien zur Unterrichtsvorbereitung für Lehrer finden sich hier und hier .
PRESSESTIMMEN
Ein künstlerischer Triumph. Stern
Subversiv, charmant und mit Humor... Und siehe da, es ward wirklich groß. Der Spiegel
Bewegend und mitreißend, selbstironisch, witzig und frech. Ein wunderbarer Film. ZDF Heute-Journal