| Caché |
|
|
|
| 14.06.2006 | |
|
CACHÉ Mit Preisen überhäufter neuester Haneke-Film (Goldene Palme,Europäischer Filmpreis). Eine Familie wird von einem Unbekannten terrorisiert. Auf der Suche nach dem Täter entwickelt sich ein Drama um Selbsttäuschung und gestörte zwischenmenschliche Beziehungen.
CACHÉ - Eine Filmbeobachtung
Verborgen bleibt die eigentliche Ursache für die sich langsam anbahnende Irritation des bildungsbürgerlichen französischen Ehepaares (Juliette Binoche und Daniel Auteuil) in Michael Hanekes jüngstem Film CACHÉ. Ausgelöst wird diese durch Videobänder, die dem Paar in die häusliche Idylle zugesandt werden; sie zeigen, wie das eigene Haus in stundenlanger Ereignislosigkeit aufgezeichnet wird. Die Bänder sind in krakelige Kinderzeichnungen eindeutig gewaltsamen Inhaltes verpackt, und wir dürfen einen Psychothriller vermuten. Die Technik des anonymen Aufzeichnens, die stark mit der Realitätsebene des Filmes verschmilzt, wirkt namenlos bedrohlich. Doch die scheinbare Thrillerdramaturgie setzt uns schlicht auf die falsche Fährte, marginal ist, wer es war. Wesentlich ist, was es auslöst und was dadurch im Hanekeschen Meta-Kino thematisiert wird. So sind Anne/Binoche und Georges/Auteuil im positiven Sinne der Inbegriff europäischer Kultiviertheit, ihr Leben in allem tadellos, das Miteinander rücksichtsvoll, das Verständnis füreinander gross. So mancher im Arthouse-Filmpublikum mag sein Ideal/Leben gespiegelt finden. Georges, den begnadeten Fernsehmoderator einer Literatursendung, treibt jedoch das schlechte Gewissen; als Knabe hat er mit kindlicher Bosheit die Adoption eines auf dem elterlichen Hof arbeitenden Einwanderersohnes verhindert, dessen Eltern bei einer Demonstration in Paris umkamen. Dieser dann ins Kinderheim gesperrte, um Lebenschancen gebrachte Mensch hätte einen Grund zur Rache, ein Motiv für (den) Terror. Der womögliche Antagonist und Einwanderer Majid sehnt sich allerdings eher nach Aussöhnung, mag gar verzeihen und dies trotz des zerstörten Lebens, der offensichtlichen Armut und Ausweglosigkeit. Die Geschichte dieser Schuld jedoch steht in der kühlen Erzählung nicht im Vordergrund. Um während der Suche nach dem Täter auf das Wesentliche der Filmerzählung zu kommen, nämlich die Darstellung sich hermetisch voneinander abschliessender Milieus der (maghrebinischen) Einwanderer auf der einen Seite und der politisch korrekten, kulturell ambitionierten und total zivilisierten (Franzosen) Europäer auf der anderen Seite, läßt CACHÉ seine Bilder sprechen. Die von Armut durchdrungene, kahle Wohnküche mit dem Lebensnotwendigen im Plattenbau der Banlieue hier, neben dem ritualisierten, gepflegten Intellektuellenhaushalt inmitten von Bücherwänden und Kunstgegenständen dort, in dem zu allem Überdruss auch noch kritische Berichterstattung über den "Kampf der Kulturen" im Fernsehen läuft. So mutet uns Haneke mit CACHÉ einen sowohl ästhetisch als auch gesellschaftsanalytisch äusserst radikalen und höchst eindringlichen Film zu. Radikal in Hinsicht auf den minutenlangen Stillstand des Geschehens, auf die Tonlosigkeit, die über das völlige Fehlen von Filmmusik hinausreicht, auf die Reduktion der Figuren zu Vertretern ihrer Gruppen. Das alles zusammen verweist auf das Eigentliche, die pure Analyse des Patt-Zustandes der Kulturen. Der Film kam im Oktober 2005 ins französische Kino, deutscher Kinostart war Januar 2006, in der dazwischenliegenden Zeit brannten die Autos in den von meist arabischen Einwanderern bewohnten Vorstädten in Paris. - Haneke gibt als Auslöser für den Film die Beschäftigung mit einem totgeschwiegenen Polizeieinsatz im Dezember des Jahres 1961 an, bei dem 200 demonstrierende Einwanderer in die Seine gestossen und getötet wurden. Der Regisseur kommt mit CACHÉ nah an ein tieferliegendes Schuldgefühl heran, und dabei wird der Film empfindlich unangenehm, verstörend. Er legt unser kollektives Unterbewusstsein bloss, welches Kulturen, die neben uns im selben Land existieren, systematisch ignorieren muss, um nicht in eine weiterreichende Schuldfrage verwickelt zu werden. Wir bewegen uns auf einer Ebene mit Georges, der sich mit einem geschlossenen Theoriebild vor der brutalen Folge seines frühen Handelns zu schützen sucht. Dessen Gewissen aktiviert ist, dessen Handeln aber befangen bleibt. Im stummen Schlusstableau liegt verborgen ein Hinweis, den man leicht übersehen mag. von Christina Schachtschabel |
|
| Letzte Aktualisierung ( 19.06.2006 ) |
| < Zurück | Weiter > |
|---|