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Capote Drucken E-Mail
(USA 2005, 114 Min.)
R.: Bennet Miller
D.: Philip Seymour Hoffman, Catherine Keener u.a

Das Biopic und die Inszenierung der Inszenierung

Bennett Miller´s Film blickt auf einen Ausschnitt des Lebens von Truman Capote (1924-1984), dem amerikanischen Autor, dem neben Frühstück bei Tiffany die Romane Grasharfe, Andere Stimmen - andere Räume, Kaltblütig und Erhörte Gebete zu verdanken sind. Er beschränkt sich auf die Entstehungsgeschichte des Tatsachenromans Kaltblütig (In Cold Blood). Von 1959 an recherchiert Capote beinahe sechs Jahre für einen Artikel im Auftrag des New Yorker, aus dem im Laufe der Arbeit der Roman entsteht.

Der Stoff des Filmes liegt trotz aller zeitlich-thematischen Begrenzung in der Biografie selbst. Diese bedient mustergültig und atemberaubend alle Klischees des inszenierungssüchtigen, um sich selbst kreisenden Genie-Stars. Dazu gehören der frühe schriftstellerischer Erfolg, 1948 mit 23 veröffentlicht Capote seinen Debutroman Other voice, other rooms, die Verfilmung seiner Erzählung Breakfast at Tiffany`s wird ein Welterfolg, exzessive Lebensweise und zahlreichen Affären, Drogen- und Alkoholabhängigkeiten als Rahmenprogramm eines immerfort in den Armen der Celebrities von New York verbrachten Künstlerdaseins machen ihn vollends zur Kunstfigur.

 

Die Konzentration des Regisseurs auf die eindringliche Zeichnung der Figur ist beachtlich. Philip Seymour Hofmann verkörpert Capote mit psychophatenhafter Mimik und Lispelstimme, aufgesetzer, übermässig manierierter Gestik die dem Original entsprochen haben muss. Ein kunstvolles Schauspiel auf dem Grat zur Überzeichnung, dem immer etwas Monströses anhaftet, der dem Film die knisternde Tonart verleiht. Dieser Biografiefilm bewegt sich um einen zähen, seelisch-kranken Schauplatz. Es ist das unbenennbar Capotehaftes, Verkrümmte, Zersplittert- und Zerplatze, eine andauernde Psychokrisis mitsamt Star in seinem zur Randnotiz degradierten Umfeld.

In kühlen Schilderungen des Raumes, der Landschafts- und Innenräume, wird die Recherchereise beleuchtet. Eine Zeitungsnotiz über den brutalen Mord an der Farmerfamilie Clutter aus Kansas inspiriert den Schriftsteller sich in die Arbeiten zu stürzen. Nach einer endlos langen Partynacht, die sein Leben zum Zeitpunkt schon ist, begibt er sich zur Reinigung, so scheint`s, in die Provinz. Dabeisein darf seine erste Freundin, die reduziert agierende Senatorentochter und Schriftstellerin Harper Lee (Cathrine Keene), die durch den Film-Capote konsequent herumgeschubbst und mit Organistations- und Diktierarbeiten beschäftigt wird. Dort trifft er die beiden schon inhaftierten Verdächtigen des Mordes, Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock. Zu Perry, dem körperlich geschädigten Mittäter, baut sich eine zwischen Zuneigung und Abstossung changierende Beziehung auf. Bei den regelmässigen über Jahre geführten Gefängnisgesprächen entsteht zwischen beiden eine symbiotische Konstanz des Leidens. Die Distanz, in Form des Eingeschlossenseins des Einen und des Ausgeschlossensein des Anderen bietet dabei den Raum für ein verdichtetes Psychodrama. Alle Ambitionen des Schriftstellers gegenüber seinem Objekt der Recherche und der Begierde werden variantenreich ausgespielt. Die bedrückende Übersteigerung jeglicher Gefühlsregung eines vom burn-out Syndrom Geschädigten wirken von Minute zu Minute grotesker. In einer symbolischen Verschmelzung - Capote erhält die Tagebücher von Perry, die dieser im Gefängnis zu schreiben beginnt -  endet der Vorgang der Beziehungsaufnahme abrupt. Der Schriftsteller hat den Text des Mörders. Dann verlässt er den "Geliebten" bevor dieser zur Execution freigegeben wird. Auf der makaberen Veranstaltung selbst erscheint der unter Schreibhemmungen, Selbstverlust und Alkoholkonsum zusammenbrechende Schriftsteller in letzter Minute, durch die Freundin Harper Lee gedrängt.

Das Ganze ist ein extremes Substrat aus Capotes "Superbiografie", ein teilweise filmdramatisch zugespitzes Kammerspiel, mit den, bis an die Grenze des Erträglichen gehenden, Charakterisierungen der weiteren Figuren  (so ist Perry ausschliesslich leidend, der ermittelnde Detective eineindeutig bodenständig, Harper Lee unerschütterlich gut).

Nach Bennett Miller hat sich für 2006 Douglas McGrath ein weiteres Mal die Capote-Biografie für einen Film mit grossem Aufgebot vorgenommen (Sandra Bullock als Harper Lee, Toby Jones als T.C. mit auf der Liste stehen ausserdem Sigourney Weaver und Isabella Rosselini). Dass sich die filmischen Interpretationen so häufen, lässt verschiedene Schlüsse zu. Das Biopic, der biografische Film, feiert seit den 80er Jahren eine beachtliche Auferstehung, der Ruf nach dem besonderen Leben deckt sich mit der Intention all der zahlreichen bunten Blätter, die dies täglich anbieten. Nachdem der Biografiefilm mit seinem humorvoll-kühnen Start - 1908 wird dem australischen Edelschurken Ned Kelley ein Denkmal gesetzt - schon von Anbeginn des Films als Genre vertreten war, bedient er in den 20er und 30er Jahren das heroische Fach mit Napoleon, Friedrich Schiller und Fridericus Rex. In der Nachkriegszeit nimmt verständlicherweise das Interesse an der (extremen) Einzelperson deutlich ab, bis in den 80ern das Genre mit Amadeus und Gandhi neu entdeckt wird, über Jim Morrison, Chaplin bis zu Schindlers Liste und JFK ist die Begeisterung an der Biografie anhaltend. Wobei die Künstler- und Extrembiografie (Walk the Line, Aviator) auf das Bedürfnis nach Teilnahme am Besondern deuten. Eine Ausnahme dürfte der 1941 gedrehte Welles-Film Citizen Kane bleiben, der in einer episch-mäandernden Erzählung ein durchaus extremes Einzelleben in zahlreiche, dabei zeitlosere Deutungshorizonte verschiebt. Mit Capote aber ist  eine Figur gefunden worden, die den möglichen Typus für Biografiefilme am besten präsentiert (und weitere vorwegnimmt), ein sich schon zu Lebzeiten inszenierendes Dasein, das sich durch Exzessivität so deutlich aus dem Normal heraushebt, dass sich die Frage nach der (Neu-)Erfindung einer solchen Figur gar nicht erst stellt.


Christina Schachtschabel

Letzte Aktualisierung ( 12.07.2006 )
 
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