| 2046 |
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| 05.06.2006 | |
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Der süße Schmerz unerfüllter oder vorübergegangener Liebe ist das wiederkehrende Thema in den Filmen des chinesischen Starregisseurs Wong Kar-Wai. Nach fünfjähriger Arbeit legte er 2005 einen würdigen Nachfolger für seinen letzten Film In the Mood for Love vor. 2046 zeichnet sich durch Bilder von überquellender Intensität und Farbigkeit und eine unkonventionelle Erzählweise aus.
„Menschen, die in Zeitlupe rauchen, Tränen, die in Großaufnahme über die Wange fließen, vergebliches Begehren, verschleierte Blicke – das sind die Bilder, aus denen Wong Kar-wai seine melodramatischen Balladen komponiert. Trotz ihres tiefen Anlehnungsbedürfnisses leben seine Figuren im Rhythmus des ewigen Aneinandervorbei, wie gezogen von einem Sog großer, geheimnisvoller Gefühle.“ (Katja Nicodemus in der Zeit vom 13.1.2005)
Kino jenseits von Ort und Zeit. von Christina Schachtschabel Der Film 2046 von Wong Kar-Wei, der 2004 in Cannes als unfertige Schnittfassung vorgeführt wurde und zu Tumulten führte, da er als das erwartete cineastische Highlight mit Verspätung kam und fragmentarisch ausfiel, ist ein Film, der sich dem Erinnern widmet. Die Erinnerungen findet Wong Kar-Wei in seiner eigenen Welt, der der Migration eines Festland-Chinesen in die Hongkong-Inselwelt, des Hin- und Herreisens und der ewigen Verlustmomente, die damit verbunden sind. So sind alle in den drei miteinander verwobenen Erzählsträngen beheimateten Personen Reisende in ihre Vergangenheit oder in eine erhoffte Zukunft. Der erste Satz im Film lautet unspektakulär über eine SF-Metropolis-Kulisse gesprochen: „Die Reisenden im Jahre 2046, wo sich ein endloses Schienennetz um die Erde spannt, kommen nur aus einem Grunde hierher (an den Ort in der Zeit: „2046“), sie wollen ihre verloren gegangenen Erinnerungen wiederfinden.“ Da hört man den leisen Verlust, die schnelle Bahn der Ereignisse wird dem menschlichen Gedächtnis nicht gerecht. Ist dem so, können wir nicht alle jederzeit verfügen über Erinnerung mittels Bild, Fotografie und Text? Für den chinesischen Filmemacher ist es nicht so. Hier gründet sich das farbenreiche Filmepos. Ein einfaches Hotel in der Fremde.. Der sachliche Überlebenswille und die beschnittene aber praktizierte Lust am Leben beginnen. Herr Wan (Tony Leung), so nennen wir ihn, kommt an ohne einen Pfennig Geld und mit den ihn aufsuchenden Erlebnissen der früheren Leben. Es ist hier nicht das Erinnern im europäischen Sinne gemeint, mit einem bis in seine Tiefen hinein untersuchten Begriff über den Erinnernden und das Erinnerbare, wie es sich bspw. mit dem Proustschen Gebäcktrick der „Madeleine“ auslösen lässt. Sondern es scheint einen asiatischen Begriff des Erinnerns zu geben. Ein Erinnern, das sich verflüchtigt, um wieder aufzutauchen, im Vexierbild verbleicht, um permanent anwesend zu sein, ein Erinnern, bei dem sich die Vorzeichen verändern, als wäre Dur und Moll im Leben vertauschbar, ein Begriff des Erinnerns vor dem sich das Individuum beugen muss, um im gleichen Masse das Erinnerte immer wieder zu durchleben. Der einsame Mr. Wan, Autor billiger Erotik-Geschichten, schleicht sich mit seinen Erinnerungen an eine alte Liebe (die aus In the Mood for Love, dem 2001 entstanden Film des Regisseurs, zu stammen scheint) zurück in die 1960er Jahre Hongkong`s - und gleichzeitig in die Zukunft eines Science Fiction-Romans, den Wong Kar Wai ihm nun zu schreiben aufträgt. Etwas klarer: ein vertrautes Gesicht und männliches Alter Ego des Regisseurs erlebt eine Vergangenheit, die in der Filmerzählung unter den Umständen eines gleichzeitig zu schreibenden SF-Romans ihre Nichteinlösung findet. Oder noch klarer: Ein Hotel, ein Lohnschreiber, mit mehrfacher Vergangenheit - mündet in die Darstellungen dessen, was Leben ausmachen würde, wenn man Lohnschreiber in einem einfachen Hotelzimmer in Hongkong mit mehrfach erlebten Vergangenheiten wäre. Oder als plot summary: Der science-fiction Roman über 2046 des Haupthelden bildet die Klammer zu einer Erzählung die der Vergangenheit angehört und uns ins Hongkong von 1964 führt. Es mag sein, dass dem europäischen Kinogänger und Bildbenutzer hier eine unüberwindbare Hürde aufgestellt wird, indem er gezwungen wird, wenn er die überaus schönen Bilder Wongs sehen will, sich in die mehrfach gesplittete Erinnerungsstruktur des schreibenden Haupthelden Mr. Wan zu versetzen, dem asiatischen Ewigkeitsbegriff der Wiederkehr folgend. Oder aber diesen als eine Variante zu abzulehnen, die eine gewisse Zeit benötigt, bis Erinnerung eintritt. So wie es das Warten der Tochter des Pensionsvorstehers es anzeigt, die sich auf eine ferne Liebe einlässt, deren Erfüllung nur im Schreiben an eben diesem SF-Roman sublimiert werden kann, bis sie endlich und spät eintrifft. 2046 ist pures Experiment, einladend schön, einen Abend, eigentlich eine Woche wert. Ein hochkarätiger „Kunst“Film, ein Spiel mit Farben, Tönen und Klängen (u.a. Peer Raben). Ein Film, zu perfekt, als das man ihn zergliedern möchte. Ein Film, in dem man Gong Li als professionelle Spielerin sehen kann, der die Vergangenheit gehört, die gleichzeitig die Zukunft ablehnt, um ein Geheimnis zu bewahren. Das Thema des Geheimnisses, des unbeirrbar Eigenen, nimmt sich der Film ebenfalls vor. So wie sich Mr. Wan nur in der eigenen Erinnerung zuhause fühlt, geht es seiner Romanfigur, die mit der zaghaft-delirierenden Liebe zu einem Androiden im Zug nach 2046, seine Identität im Geheimnis findet. Ein Loch im Baum, so die alte buddisthisch geprägte Legende, in das man seine erinnerbaren Geheimnisse hineinspricht, es dann mit Harz zuklebt, wird der Speicher bleiben. Wong Kar Wei, 1958 in Shanghai geboren, zog mit seiner Familie 1963 nach Hongkong. Er sprach Mandarin, nicht Kantonesisch, konnte sich demzufolge nicht verständigen. Der BBC sendete Nachrichten, die er nicht verstehen konnte, die aber beruhigend wirkten . Der Radio Jingle blieb ihm im Gehör, als Erinnerung. Als der Fünfjährige einsam war, schaltete er das Radio an, der Klang der BBC tröstete. War das das Loch im Baum? Die akustische Attraktion, um mit der Welt geheimen, tröstlichen Kontakt aufzunehmen, diesen dann zu verschweigen? Ja. Soviel zum Erinnern. Wong Kar Wei dreht als nächstes ein Remake des Stoffes „The Lady of Shanghai“, der 1947 von Orson Welles mit Rita Hayworth in der Hauptrolle verfilmt worden ist, und zum Klassiker des Film Noir wurde. Dieser wiederum ist nicht zu verwechseln mit „Shanghai Express“ von Joseph von Sternberg mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle, der in diesem Kino gezeigt wird. Hier eher sichtbar: eine heitere Preisgabe von Geheimnissen im Detektivmilieu, nicht zu unterschätzen, und dem Exotismus-Bedürfnis der Zeit zuzuschlagen die glamouröse Vereinnahmung des Fremden, der Ort bleibt: die chinesische Ostküste zwischen Shanghai und Hongkong. |
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| Letzte Aktualisierung ( 19.06.2006 ) |
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