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Tödliche Entscheidung PDF Drucken E-Mail
03.06.2008
ImageUSA 2007
Originaltitel: Before the Devil Knows You're Dead -
R: Sidney Lumet
D: Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei

Er was u.a. fünfmal für den Oscar nominiert, erhielt diesen aber erst im Alter von 80 Jahren für sein Lebenswerk. Sidney Lumet ist zweifellos einer der ganz Großen seines Fachs. Das untermauert er auch mit seiner jüngsten Arbeit Tödliche Entscheidung – Before the Devil knows You’re Dead, in der er eine erschütternde Familientragödie vor dem Hintergrund eines klassischen Heist-Plots ablaufen lässt. Das Drehbuch von Kelly Masterson blickt mit beängstigender Klarheit tief in menschliche Abgründe. In der Hauptrolle brilliert einmal mehr Philip Seymour Hoffman.


FILMKRITIK


Andy Hanson braucht Geld. Er meint das Paradies gesehen zu haben, als er mit seiner Frau Gina in Rio war und mit dieser ein unverhofftes Wiedererwachen ehelichen Glücks erlebt hat. Auch sich selbst im Spiegel zu beobachten, wie er sie machtvoll von hinten nimmt und ihr dabei Lust verschafft, gibt ihm ein lange entbehrtes Gefühl der Bestätigung. Zu Hause treibt sie das alltägliche Unglück, sich selbst nicht genug zu sein, auseinander - und Andy in die lautlose Höhenluft eines Luxusappartments, wo sich ausgebrannte Geschäftsmänner vor dem ergreifenden Panorama Manhattens auf dem Rücken ausgestreckt einen Schuß setzen lassen. Um diese teure Flucht immer wieder bezahlen zu können, hat Andy jahrelang seine Firma bestohlen. Ob er das Geld zurückzahlen oder sich mit Gina für immer nach Rio absetzen will, in jedem Fall braucht er hundertausende Dollars.

Auch Andys jüngerer Bruder Hank braucht Geld. Andy schlägt ihm vor, den Juwelierladen der Eltern in der Vorstadt auszurauben. Nichts soll schiefgehen können, niemand zu Schaden kommen, der Laden ist versichert. Der letzte Haken: Hank soll die Sache alleine ausführen. Und Hank ist ein ausgemachtes Weichei, ein verwöhnter Junge, beruflich ein Verlierer, steht bei seiner Ex mit Unterhaltszahlungen im Rückstand und kann die teure Schule seiner Tochter nicht bezahlen, obwohl er sie selbst ausgesucht hat. (Nachdem alles in die Hose gegangen ist und die Lage ausweglos erscheint, sieht man Hank in Fötusstellung auf dem Bett liegen und sich jammernd am Telefon vor seiner Tochter verteidigen, welcher er das Geld für die Klassenfahrt nicht zahlen konnte.)


Hank ist es gewohnt, auf seinen Bruder zu hören. Dieser redet ihm gut zu, versucht ihm die Angst zu nehmen, und in diesem Moment, auch wenn Hank das Eigeninteresse des anderen als schlechten Ratgeber erkennen sollte, sind die beiden sich näher als je sonst zwei Personen in diesem Film. Aus der Nahaufnahme ihrer einander zugewandten Profile, den geflüsterten eindringlichen Worten, geht das Bild zusammengewachsener Seelen hervor, für welche die eigentliche Tragödie in der Individuation liegt. Dies ist die einzige Szene im Film, in welcher dem Verhältnis der Brüder so etwas wie eine positive Deutung gegeben wird. Ansonsten sieht man, wie Andy Hank klein macht, ihm im Scherz oder in wüster Beschimpfung die Männlichkeit abspricht, von oben herab den vor ihm Sitzenden mit inquisitorischen Fragen zum auf fatale Weise verpatzten Unternehmen traktiert und bei jeder Frage mit der Faust auf den Tisch haut, als gelte es, die Wahrheit aus dem Bruder herauszuprügeln.

In dem psychologischen Drama, welches sich dem wegen Hanks Dummheit und Feigheit missglückten Überfall anschließt, wird die Misere dieser Personen auf ihre Grundlagen zurückgeführt. Als ältestes von drei Geschwistern hat Andy die besondere Härte und das prüfende Urteil des Vaters erfahren, litt sein Leben lang unter Liebesentzug. Auf die Art wurde er, was er ist: durchsetzungsfähig, beruflich erfolgreich, aber auch dominant, sarkastisch und emotional unantastbar. Bruder und Ehefrau sind schwach und unselbstständig und von ihm abhängig. Aus Abhängigkeit entstehen Mordgedanken, sagt ein buddhistischer Meister in einem anderen Film. Gina und Hank rächen sich an Andy für ihre Abhängigkeit, indem sie sich einmal in der Woche zum Vögeln treffen. Andy kann weiter keine Liebe bekommen, auch die Entschuldigungen, die er auf den letzten Runden der Abwärtsspirale von Vater und Bruder entgegennimmt, können nichts wieder gutmachen.

Am Ende stecken die beiden tief im Schlamassel. Andy nimmt seinen Bruder an der Hand, um sich und ihm den Weg in irgendeine Zukunft freizuschießen. Sein erstes Opfer ist ein dicker Geschäftsmann im Unterhemd auf dem Fixerbett, wieder ein Spiegelbild seiner selbst wie zu Anfang, aber keines, das Andy noch am Leben lassen will. Sein letztes hätte sein Bruder sein können - wenn die Liebe gestorben ist, aber darüber darf am Ende dieses packenden Melodrams der Zuschauer entscheiden.

Malte Puttfarken
Letzte Aktualisierung ( 20.06.2008 )
 
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