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Tödliche Entscheidung Drucken E-Mail

ImageUSA 2007
Originaltitel: Before the Devil Knows You're Dead -
R: Sidney Lumet
D: Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei


Fünf Mal wurde er für den Oscar nominiert, erhielt diesen aber erst im Alter von 80 Jahren für sein Lebenswerk. Sidney Lumet ist zweifellos einer der ganz Großen seines Fachs. Das untermauert er auch mit seinem neusten Film Tödliche Entscheidung – Before the Devil knows You’re Dead, in dem er eine erschütternde Familientragödie vor dem Hintergrund eines klassischen Heist-Plots ablaufen lässt. Das Drehbuch von Kelly Masterson blickt mit beängstigender Klarheit in menschliche Abgründe. In der Hauptrolle brilliert einmal mehr Philip Seymour Hoffman.

FILMKRITIK

Prolog: In einem luxuriösen Hotelzimmer betrachtet ein dicklicher, bleicher Mann sich selbst dabei im Spiegel, wie er seine Frau von hinten nimmt.

Dies mag der Moment sein, für den er alles zu riskieren wagte und den er sich im Augenblick seines Todes zurückwünscht.

Andy Hanson braucht Geld. Er möchte sich mit seiner Frau Gina nach Rio absetzen, wo die beiden im Urlaub ein unverhofftes Wiedererwachen ehelichen Glücks erlebt haben. Daheim in New York treiben die Kälte und Leere einer materialistischen Existenz und das alltägliche Unglück, sich allein nicht genug zu sein, sie auseinander -- und Andy in die lautlose Höhenluft eines Luxusapartments, wo sich ausgebrannte Geschäftsmänner vor dem ergreifenden Panorama Manhattans auf dem Rücken ausgestreckt einen Schuss setzen lassen. Um diese teure Flucht immer wieder bezahlen zu können, hat Andy jahrelang seine Firma bestohlen. Ob er das Geld zurückzahlen oder sich mit Gina für immer nach Rio absetzen will - in jedem Fall braucht er hunderttausende von Dollars.Die Finger schmutzig machen können sich aber andere. Zum Beispiel sein jüngerer Bruder Hank, der auch Geld braucht, weil er bei seiner Ex mit Unterhaltszahlungen im Rückstand ist und die teure Schule seiner Tochter nicht bezahlen kann. Andy schlägt ihm vor, den Juwelierladen der Eltern in der Vorstadt auszurauben. Nichts soll schiefgehen können, niemand zu Schaden kommen, der Laden ist versichert. Der einzige Haken: Hank soll die Sache alleine ausführen. Und Hank ist ein Versager.

Nachdem alles in die Hose gegangen ist und die Lage ausweglos erscheint, sieht man Hank in Fötusstellung auf dem Bett liegen und am Telefon seiner Tochter in weinerlichen Tönen erklären, warum er das Geld für die Klassenfahrt nicht zahlen konnte.

Die beiden stecken tief im Schlamassel, haben schwere Schuld auf sich geladen. Hank ist es weiterhin gewohnt, auf seinen Bruder zu hören, obwohl dieser ihm doch den bösen Plan eingeflüstert und ihn für seine eigenen Zwecke benutzt hat. Andy redet ihm gut zu, versucht ihm die Angst zu nehmen, und in diesem Moment sind die beiden sich näher als je sonst zwei Personen in diesem Film. Aus der Nahaufnahme ihrer einander zugewandten Profile, den geflüsterten eindringlichen Worten, geht das Bild zusammengewachsener Seelen hervor, für welche die eigentliche Tragödie darin liegt, das ihre geschwisterliche Nähe einem Kampf um Anerkennung geopfert wurde, der, wie angedeutet wird, im Elternhaus begann. Dies ist die einzige Szene im Film, in welcher dem Verhältnis der Brüder so etwas wie eine positive Deutung gegeben wird. Ansonsten sieht man, wie der ältere Bruder den jüngeren klein macht, ihm im Scherz oder in wüster Beschimpfung die Männlichkeit abspricht, oder – nachdem dieser den Coup verpatzt hat - wie bei einem Verhör mit Fragen traktiert und dabei mit der Faust auf den Tisch haut, als gelte es, die Wahrheit aus dem Bruder herauszuprügeln.

In dem psychologischen Drama, das dem missglückten Überfall folgt, wird die Misere dieser Personen auf ihre Grundlagen zurückgeführt. Als ältestes von drei Geschwistern hat Andy die besondere Härte und das prüfende Urteil des Vaters erfahren, und hat sein Leben lang daunter gelitten, dass dieser ihm die Liebe entzog. So wurde er, was er ist: durchsetzungsfähig, beruflich erfolgreich, aber auch dominant und unnahbar. Bruder und Ehefrau sind schwach und unselbstständig, fast wie Kinder. Jahrelang haben sie sich dafür mit einer heimlichen Affäre gerächt. Andy kann weiterhin keine Liebe bekommen, auch die Entschuldigungen, die er auf den letzten Runden der Abwärtsspirale von Vater und Bruder entgegennimmt, können nichts wieder gutmachen.
Die beklemmende Stimmung dieses Films erinnert an Shakespeares Tragödien. Auch hier ist man den Protagonisten, den Verbrechern ganz nah, fühlt mit ihnen, beobachtet durch ihre Augen den verhängnisvollen, unabwendbaren Ablauf der Dinge. Und doch liegt die Stärke dieses Films darin, dass bei aller Deutlichkeit der psychologischen Hintergründe der Thriller-Plot doch die Oberhand behält und zu jedem Zeitpunkt das bewegende Prinzip bleibt. Der Knoten wird immer enger, die Lage immer aussichtsloser, bis am Ende Andy seinen Bruder an der Hand nimmt, um sich und ihm den Weg in irgendeine Zukunft freizuschießen.

Letzte Aktualisierung ( 20.06.2011 )
 
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